Vorbehandeln oder nicht?

Kontroversen um den Einsatz von Plättchenhemmern in der Notfallmedizin

Perkutane Koronar-Intervention
Der Einsatz von Plättchenhemmern bei einer perkutanen Koronarintervention wird unterschiedlich gehandhabt

Herzogenrath. Auf einem von Ferrer ausgerichteten Symposium haben Experten*innen diskutiert, welche Vor- und Nachteile verschiedene Thrombozyten-Aggregationshemmer in unterschiedlichen Behandlungsszenarien haben.

In der perkutanen Koronarintervention (PCI) bei Patienten*innen mit akutem Koronarsyndrom (ACS) werden antithrombozytäre Medikamente, sogenannte Plättchenhemmer, eingesetzt. Diese hemmen die Blutgerinnung und senken somit das Komplikationsrisiko. Je nach Klinik wird der Einsatz der Plättchenhemmer unterschiedlich gehandhabt. Es besteht die Möglichkeit, mit der dualen antithrombozytären Therapie (DAPT) bereits vor der PCI eine Kombination aus Acetylsalicylsäure und einem P2Y12-Rezeptor-Inhibitor zu verabreichen. Allerdings konnten in Studien keine gesicherten Vorteile für dieses als „Preloading“ bezeichnete Vorgehen nachgewiesen werden [1, 2]. Ein anderes Vorgehen ist der Einsatz einer dualen Plättchenhemmung erst während der PCI selbst. Im Rahmen eines von Ferrer Deutschland unterstützten Symposiums haben Experten*innen unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Franz-Josef Neumann, Bad Krozingen, und Prof. Dr. Dirk Westermann, Hamburg das Für und Wider der dualen antithrombozytären Therapie vor und während einer PCI erörtert.

Immer häufiger Ad-hoc-PCI
Inzwischen wird in vielen Kliniken zunehmend eine Ad-hoc-PCI durchgeführt. Das bedeutet, dass die Intervention direkt im Anschluss an eine zuvor durchgeführte Koronarangiographie durchgeführt wird. Die Vorteile dieses Vorgehens liegen auf der Hand: Die Patientin oder der Patient bleibt auf dem Kathetertisch und ein zweiter Eingriff wird vermieden. Dadurch reduzieren sich im Gegensatz zum zeitlich gestaffelten Eingriff das Risiko für Komplikationen am Gefäßzugang und die Strahlenbelastung [3]. Bei einer Ad-hoc-PCI gilt: „Das Risiko für Komplikationen wie Myokardinfarkt und Stentthrombosen ist in den ersten zwei bis vier Stunden nach dem Eingriff besonders hoch“, so Prof. Dr. Uwe Zeymer, Ludwigshafen [4]. Deshalb müssen die dabei eingesetzten Plättchenhemmer möglichst schnell und effektiv wirken.

Orale versus intravenöse Plättchenhemmer in der Ad-hoc-PCI
Orale Plättchenhemmer können schnell an ihre Grenzen stoßen, wenn andere während der PCI eingesetzte Medikamente deren Wirksamkeit vermindern [5, 6, 7]. Patienten*innen mit Schluckbeschwerden, Erbrechen, tiefer Sedierung, kardiogenem Schock oder Respirationstherapie haben darüber hinaus Schwierigkeiten oder sind gar nicht in der Lage, die oralen Medikamente zu sich zu nehmen. In diesen Fällen kommt ein intravenöser Plättchenhemmer zum Einsatz. Dieser hat zudem den Vorteil, dass die Wirkung sehr schnell eintritt und er aufgrund einer kurzen Halbwertszeit gut steuerbar ist [8, 9].

Symposium „Kontroversen bei der antithrombotischen Therapie vor und während PCI“, 86. Jahrestagung und Herztage der DGK (Deutsche Gesellschaft für Kardiologie - Herz- und Kreislaufforschung), 16. Oktober 2020, Veranstalter: Ferrer Deutschland.

Herausgeber: signum [ pr, nach Informationen von Ferrer Deutschland GmbH

Literatur:

[1] Montalescot G et al., N Engl J Med 2013; 369: 999–1010
[2] Dworeck C et al., JAMA Netw Open 2020; 3: e2018735
[3] www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/nvl-004l_S3_KHK_2019-04.pdf. Letzter Aufruf: 08.02.2021
[4] Thel MC et al., Am J Cardiol 2000; 85: 427–434
[5] Parodi G et al., Circ Cardiovasc Interv 2015; 8: e001593
[6] Hobl EL et al., J Am Coll Cardiol 2014; 63: 630–635
[7] Eyileten C et al., Clin Pharmacol Ther 2019; 106: 993–1005
[8] Akers WS et al., Clin Pharmacol 2010; 50: 27–35
[9] Droppa M et al., Int J Cardiol 2016; 223: 848–851

Bildnachweis©: stock.adobe.com - Monkey Business

 

Zurück