Menarini-Preis 2019

Sarkopenie bei neu diagnostiziertem Diabetes

v.l.n.r.: Prof. Dr. Markolf Hanefeld, Laudator, Prof. Dr. Christian Herder, Menarini-Preisträger 2019, Dr. Andrea Patzelt-Bath, BERLIN-CHEMIE AG, Prof. Dr. Thomas Stulnig

Zunehmend interessieren sich Wissenschaftler für die Sarkopenie, die im Rahmen eines Diabetes auftreten kann. Risikofaktoren für die Erkrankung und insbesondere den Beitrag inflammatorischer Prozesse untersucht Professor Dr. phil. nat. Christian Herder vom Institut für Klinische Diabetologie am Deutschen Diabetes-Zentrum (DDZ) in Düsseldorf. Dafür wurde er nun mit dem Menarini-Preis 2019 der Berlin-Chemie AG ausgezeichnet. Die Berlin-Chemie AG stiftet den mit 15.000 Euro dotierten Preis alljährlich zur Förderung herausragender wissenschaftlicher Projekte mit dem Forschungsschwerpunkt Diabetes mellitus. Die Preisverleihung fand am 30. Mai 2019 im Rahmen des 54. Diabetes-Kongresses der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) in Berlin statt.

Der „Muskelschwund“, wie er für die sarkopene Adipositas typisch ist, tritt mit zunehmendem Alter häufig auf, daher befassten sich bisher vor allem Geriater damit. Aber immer öfter wird der Befund auch bei verschiedenen chronischen Erkrankungen erkannt, die mit (sub)klinischen Entzündungsprozessen in Zusammenhang gebracht werden, z. B. in der Rheumatologie und der Herz-Kreislauf-Medizin – und eben in der Diabetologie.

Mehr Muskulatur – bessere Glucoseverwertung

Spannend ist die Sarkopenie für die Diabetologen, weil die Skelettmuskulatur über einen insulinvermittelten Prozess einen großen Teil der aus dem Darm resorbierten Glucose aus dem Blut aufnimmt – also die Blutzuckerkonzentration senkt. Beobachtungen haben gezeigt, dass eine größere Skelettmuskelmasse mit einem besseren Ansprechen auf Insulin verbunden ist, auch außerhalb einer Sarkopenie-Erkrankung. Ein Erhalt der Muskelmasse könnte demnach möglicherweise die Entwicklung und das Fortschreiten des Diabetes aufhalten.

Deutsche Diabetes-Studie als ideales Setting

Professor Herder plant in seinem geförderten Projekt, genauere Zusammenhänge von Sarkopenie und Diabetes aufzudecken und dafür Teilnehmer der Deutschen Diabetes-Studie heranzuziehen.

Diese Studie nimmt seit 2005 erwachsene Patienten bis zum 69. Lebensjahr mit neu diagnostiziertem Typ-1- oder Typ-2-Diabetes (innerhalb von 12 Monate nach der Diagnose) auf und beobachtet sie über 10 Jahre; dabei wird eine Vielzahl von anthropometrischen, metabolischen und immunologischen Parametern untersucht [1]. So wollen die Forscher Faktoren identifizieren, die das Fortschreiten der Erkrankung begünstigen, um sie, wenn möglich, auszuschalten oder zu minimieren, bevor manifeste Komplikationen auftreten. Die Studie wird deutschlandweit an sieben Standorten im Rahmen des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) unter der Leitung von Prof. Dr. Michael Roden, Vorstand am Deutschen Diabetes-Zentrum (DDZ), durchgeführt.

Frühere Kohortenstudien von Herders Arbeitsgruppe haben bereits Zusammenhänge von Entzündungsmarkern und diabetischen Komplikationen z. B. an Blutgefäßen und Nerven nachgewiesen [2,3]. Diese Untersuchungen will das Team jetzt erweitern und zieht dazu Daten heran, die bei den Teilnehmern zu Studienbeginn und 5 Jahre danach gemessen wurden. Dabei soll auch überprüft werden, ob sich die Faktoren, die eine Sarkopenie fördern, zwischen Typ-1- und Typ-2-Diabetes unterscheiden.

5-Jahres-Daten sollen wichtige Erkenntnisse liefern

Zunächst wollen Herder und seine Mitarbeiter bei 1.200 Studienteilnehmern der Ausgangsgruppe untersuchen, wie häufig eine Sarkopenie nachweisbar ist, und berechnen dazu die Muskelmasse aus den Ergebnissen der Ganzkörperbioimpedanzmessung.

Dann prüfen sie anhand von Ausgangs- und 5-Jahres-Daten Assoziationen zwischen Sarkopenie und verschiedenen metabolisch-klinischen und Lebensstilfaktoren, für die ein Zusammenhang möglich erscheint. Zu den klinischen Variablen zählen etwa Insulinresistenz, Lipidkonzentrationen, Fettleberindex und Nierenfunktion. Beim Lebensstil interessieren sich die Wissenschaftler beispielsweise für Proteinzufuhr, körperliche Aktivität, Nikotin- und Alkoholkonsum.

In einer Subgruppe von 513 Teilnehmern der Erstuntersuchung planen die Forscher außerdem, Beziehungen zwischen verschiedenen pro- und antiinflammatorischen Biomarkern und der Entstehung einer Sarkopenie zu untersuchen; zu diesen Markern zählen unter anderem das C-reaktive Protein, Interleukin-6 und Interleukin-1-Rezeptorantagonist. Dabei wollen sie nicht nur die Werte selbst messen, sondern auch damit zusammenhängende Stoffwechselwege und übergeordnete Regulationsprozesse analysieren, die möglicherweise beeinflussbar wären. Die Arbeiten innerhalb dieses Projektes werden in enger Kooperation mit Prof. Dr. Kristina Norman, Forscherin für Ernährung und Gerontologie am Deutschen Institut für Ernährungsforschung, durchgeführt, die umfangreiche Vorarbeit auf dem Gebiet der Sarkopenie geleistet hat [4,5].

Am Ende des Projekts soll die Identifizierung von Faktoren stehen, die das Risiko für eine Sarkopenie bei Diabetespatienten erhöhen. Das könnte ein erster Schritt hin zu dem langfristigen Ziel sein, frühe klinische Phasen der Erkrankung zu erkennen und sie, wenn möglich, zu verhindern. Besonders relevant sind dabei solche Variablen, die sich – im Gegensatz etwa zu Alter und Geschlecht – modifizieren lassen, z. B. die körperliche Aktivität oder die Proteinzufuhr. Hier wären dann therapeutische Angriffspunkte denkbar – für die Sarkopenie und für den Diabetes.

Quelle:

[1] Szendroedi J et al. Cohort profile: the German Diabetes Study (GDS). Cardiovasc Diabetol 2016; 15: 59

[2] Herder C et al. Proinflammatory cytokines predict the incidence and progression of distal sensorimotor polyneuropathy: KORA F4/FF4 Study. Diabetes Care 2017; 40: 569-576

[3] Herder C et al. Circulating levels of interleukin 1-receptor antagonist and risk of cardiovascular disease: Meta-analysis of six population-based cohorts. Arterioscler Thromb Vasc Biol 2017; 37: 1222-1227

[4] Buchmann N et al. Identifying sarcopenia in metabolic syndrome: Data from the Berlin Aging Study II. J Gerontol A Biol Sci Med Sci 2016; 71: 265-272

[5] Eibich P et al. Exercise at different ages and appendicular lean mass and strength in later life: Berlin Aging Study II. J Gerontol A Biol Sci Med Sci 2016; 71: 515-520

Herausgeber: signum [ pr GmbH, nach Informationen von BERLIN-CHEMIE AG

Bildrechte©: Dirk Deckbar

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